So ist es zu verstehen, wenn in den letzten Jahren immer mal wieder von
„Mission“ gesprochen wird. Gemeint sind damit nicht ferne
Missionsstationen irgendwo in Afrika oder Südamerika, für die mal
wieder Spenden gesammelt werden, sondern es geht um unseren Glauben
hier in Deutschland, vor unserer Haustür. Aber wie kann das gehen, dass
wir mit unserem Glauben etwas wagen und ihn hinaustragen in die
Lebenswelt der Menschen um uns herum?
Ich will von einer Erfahrung erzählen, die ich in Chile gemacht habe
und die ich wie viele andere, die sie einmal machen konnten, nicht mehr
vergessen werde. Jedes Mal in den Ferien, egal ob Sommer oder Winter,
machen sich dort viele Gruppen von Jugendlichen und Studenten auf den
Weg und fahren auf „Misiones“. Das heißt, sie gehen für eine Woche
irgendwo aufs Land, meist in ärmere Gegenden, um dort – ja, man wagt es
kaum zu sagen – zu missionieren. Sie gehen von Haus zu Haus, um die
Leute zu besuchen und mit ihnen „über Gott und die Welt“ zu sprechen.
Die Redewendung ist in diesem Fall wörtlich zu verstehen, denn es geht
auch darum, von seinem Glauben Zeugnis zu geben.
Für einen Deutschen wie mich gar nicht so einfach, dachte ich mir
gleich zu Beginn. Das erinnert doch sehr an gewisse Sekten, deren
Mitglieder immer im Doppelpack an der Tür stehen und über ihre
religiösen Überzeugungen sprechen wollen. Also, ob ich meine Tür da
öffnen würde – auch wenn sie behaupten, katholisch zu sein und noch
dazu einen ganz vernünftigen Eindruck machen?!?
Irgendwann bin ich mal mit Chilenen über diese meine ersten
Hemmschwellen ins Gespräch gekommen, worauf einer einfach nur zurück
gefragt hat: „Meinst du, es kostet uns keine Überwindung, bei fremden
Leuten zu klopfen und einfach so mit ihnen über unseren Glauben zu
sprechen?“ – Okay, wir müssen halt wirklich raus aus den schützenden
Mauern, und das darf auch etwas kosten...
Alles weitere ist dann aber etwa so wie der erste Kopfsprung im
Schwimmbad. Man muss es einfach mal ausprobieren, um zu merken, dass es
gar nicht so schlimm ist. Im Gegenteil: die Erfahrungen, die man dann
machen kann, sind oft überwältigend. Wenn Leute erst mal ihre Tür
öffnen (und das sind gar nicht so wenige!), dann öffnen sie meist auch
ihr Herz.
Johannes, der zur Zeit als Voluntär in einer chilenischen Schule
arbeitet, erzählt von seinen ersten Missions-Erfahrungen: „Wir waren
bei einer ziemlich alten Frau zu Besuch, die sehr, sehr arm ist. Trotz
allem lud sie uns zu sich ein in ihre Hütte, deren Fußboden aus der
normalen Erde besteht und deren Wände aus Pappe sind und bot uns etwas
zu trinken an und schenkte uns Früchte, als wir wieder gingen - sie
wollte uns aber gar nicht gehen lassen, da sie so glücklich war, dass
jemand kommt, um sie zu besuchen.“
Das ist typisch Misiones: glückliche Leute, die dankbar sind, dass man
sie besucht und sich für sie interessiert. Oft fangen sie wirklich auch
schnell an, von ihren Erfahrungen mit Kirche und Glauben zu erzählen.
Manchmal entwickeln sich lange und tiefe Gespräche, nach denen sich die
Missionare dann oft fragen, wer hier eigentlich wen missioniert, denn
man wird dabei selbst wirklich reich beschenkt.
Für eine unvergessliche Erfahrung sorgen aber auch die anderen
Jugendlichen in der Gruppe, mit der man unterwegs ist. Wenn man sich
gegenseitig erzählt, was man erlebt hat, wird einem viel bewusster als
sonst, welch ein Schatz der Glaube eigentlich ist. Das besondere ist,
dass dieser Schatz nicht kleiner, sondern größer wird, wenn man ihn
teilt.
So mancher Deutsche, der wie ich schon einmal bei Misiones dabei sein
konnte, fragt sich, ob das nicht auch bei uns in Deutschland möglich
wäre. Man ist schnell dabei, sich zu sagen, dass bei uns die
Verhältnisse doch ganz anders sind. Das ist auch richtig, aber sprechen
da nicht vor allem die erwähnten Hemmschwellen? Wäre es nicht möglich,
dass man es einfach mal ausprobiert und dabei vielleicht genauso
beeindruckende Erfahrungen macht, die das eigene Vorstellungsvermögen
übersteigen? Sicher, man kann das Konzept nicht einfach kopieren,
sondern muss überlegen, was bei uns möglich und sinnvoll wäre, aber
einen Versuch wäre es doch mal wert. Schließlich müssen wir doch raus
aus unseren Kirchenmauern!
Artikel erschien in der Zapfsäule KING SIZE II 2007 "Zukunft beleben"