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Neuer Mensch in einer neuen Art der mitmenschlichen Beziehung Drucken E-Mail

Überlegungen zur "ersten Zielgestalt" der Sendung Schönstatts von Pater Herbert King

In Joseph Kentenich lebte und wirkte die Vorstellung von einem Menschen und seinen Beziehungen bzw. Bindungen, die anders sind als dies "früher" so war. Ich will dieses in ihm wirkende Paradigma mit einem Dreieck graphisch darstellen.

Die eine Seite dieses Dreiecks ist Selbstsein des einzelnen In sich ruhende Identität. Der neue Mensch ist ein aus der eigenen Mitte heraus ganzheitlich sich entfaltender, origineller Mensch. Er hat ein eigenes seelisch-geistiges Lebensprinzip in sich, macht dies bewusst, schützt es und stützt seine innere Entfaltung.
So ist der neue Mensch ein Mensch, der in der Relativität der pluralisti¬schen Gesellschaft seine eigene Identität und seinen eigenen Stil entfalten und durchtragen kann. Er ist eine in sich verankerte und verwurzelte Persönlichkeit. Ein "freier und starker" Mensch, wie Kentenich ihn bereits 1912 programmatisch umschreibt. Ein freier, innerlich dynamischer, nicht starrer und zwanghafter Mensch. Wichtige Worte sind Persönlichkeit, Originalität und Geschlossenheit der Person, nicht Verschlossenheit. Er ist ein Mensch mit einem starken Innenleben, einem persönlichen, homogenen und kontinuierlichen seelisch-geistigen Innenraum. Er ruht in sich, hat Heimat in sich. Image

Deswegen die Notwendigkeit, sich vielfach abzugrenzen, zu immunisieren, zu imprägnieren und ein Bewusstsein und Lebensgefühl des Anderssein zu entfalten. Freude am Anderssein zu entwickeln. Auch Gegensätze auszuhalten oder auch zu schätzen. Aber immer in Rückbindung an die aus seinem Inneren drängende Originalität und Identität.

Die zweite Seite des Dreiecks nenne ich "aktive und passive Offenheit". Diese geht jetzt auf die Kommunikation, den Dialog und die gemeinschaftliche Zugehörigkeit ("neue Gemeinschaft"), das Mitmensch-Sein. Der neue Mensch ist kein autonomer Individualist. Er ist fähig, sich zu öffnen, seine Ideen und Gedanken zu erklären, darzulegen und mitzuteilen. Auch Gefühle zu zeigen. Auch wenn ihn das "verletzlich" machen mag.

Der neue Mensch ist offen für weitere Entwicklungen seines Selbst. Er kann von anderen lernen und sich bereichern lassen, ohne seine Identität in Frage zu stellen oder gar zu verlieren oder aufzugeben. Er ist dialogfähig. Ein Mensch, der Freude hat nicht nur an seiner eigenen Andersartigkeit, sondern auch an der des andern. Vielfalt bedeutet ihm nicht Bedrohung, sondern Bereicherung. Alles zu prüfen und nicht nur das Gute, sondern speziell das ihm Gemäße zu behalten, ist eine wichtige Verhaltensweise in dem Vorgang-neuer-Mensch. Organisch assimiliert er Neues und entfaltet damit seine Persönlichkeit.

So kann er gelassen tolerant sein, kann "stehen lassen", braucht nicht mit Abwertungen zu arbeiten.

Es ist der partnerschaftsfähige, bundesfähige Mensch. der fähig und bereit ist, sich entsprechend zu binden und sich affektiv, geistig und willentlich in die Pflicht nehmen zu lassen. Und nicht gleich um seine Eigenart zu fürchten, wenn er sich anpassen soll. Er kann eingegangenen Bindungen gegenüber treu sein.

Er fordert aber vom anderen, eventuell auch von der öffentlichen Meinung seines Clubs, der Schulklasse..., dass er von diesen in seinen Meinungen und seinem Verhalten respektiert wird. Nicht zulassen, dass seine Meinung verspottet wird (vom Lehrer in der Schule, vom Fernsehen) oder verfolgt wird z.B. durch ein diktatorisch-ideologisches System. Ebenso tritt er für die Meinungs- und Verhaltensfreiheit seiner Mitmenschen ein, wenn dies notwendig wird. Ein Mensch gewachsener und selbstverständlicher Zivilcourage.
So ist sein Leben ein Geben und Nehmen. Ein Sich-Einbringen und Sich-Anpassen. Sich in Abhängigkeit begeben und freisein.

Die dritte Seite des Dreiecks ist Wille und Lust zum Einfluss. Andere beeinflussen wollen. Der Neue Mensch ist ein auf andere Menschen bezogener Mensch, der von seinem persönlichen Reichtum und seinen Überzeugungen etwas anderen geben will, sich einbringt, zur Bewusstseinsbildung beiträgt, Verantwortung übernimmt, andere motiviert, zu etwas hinführen will. Dies in aller Bescheidenheit. Doch auch mit einem Ethos, das anderen oder dem entsprechenden Gemeinwesen helfen kann und will weiterzukommen. Insofern ist er bereit und fähig seine Talente selbst-bewusst anzuerkennen und einzubringen, auch um andere zu etwas zu "bekehren". Sie zu "missionieren". Gleichzeitig hat er die innere Freiheit, anderen die Initiative zu überlassen, wenn er sieht, dass es in die "richtige" Richtung geht.

Dreieck. Neuer Mensch in neuer Gemeinschaft bedeutet ein nicht leicht zu verwirklichendes inneres Kräftespiel verschiedener Faktoren. Die Akzente werden entsprechend immer wieder anderes gesetzt werden. Der Hauptakzent wird jedoch immer auf der eigenen Identität ruhen. 

Die "alte" Welt, in der die Menschen über Jahrhunderte lebten  war übersichtlicher, geschlossener, flächendeckend-gleichmäßig-homogener und bindender als die heutige. Der Mensch konnte sich im eigentlich Grundlegenden leiten lassen. Musste sich leiten lassen. Seine eigene Initiative war vielfach gar nicht gefragt, sondern galt als Abweichung und wurde bestraft. Seine eigene Identität war durch eine ziemlich festgefügte Tradition relativ vorgegeben. Insgesamt hat sich in der Kultur eine Verschiebung ergeben hin zur Notwendigkeit einer stärkeren Betonung der Eigeninitiative. Die Denkweisen des "alten" Menschen sind in der "neuen", pluralistischen Welt nicht mehr genügend. Das gilt für jede der Welten, in denen jemand zu leben hat: der persönlichen, familialen, ehelichen, glaubensmäßig-kirchlichen, politisch-gemeinschaftlichen, kulturellen... Also ein universell sich auswirkendes Paradigma des "neuen Menschen" und der "neuen Gemeinschaft".

 

Anhang:

Drei Kentenich-Texte zum Thema "Eigene Identität und Begegnung mit anderen/anderem"

1. Aus: Gebet vom 24. April 1964

(An seine Pars motrix, 2 (Manuskriptdruck), 19 f.)

Es hat dem Vater gefallen, euch das Reich zu geben." Wir spüren es   ob wir denken an die vermaterialisierte Zeit, säkularisierte Zeit, bolschewisierte Zeit, ob wir das vor uns aufleuchten lassen, was nunmehr durch das Konzil tiefer und tiefer in unser Gemüt eingeprägt werden soll   das ist die Idee des Ökumenismus und des Pluralismus.

Wir mögen uns wehren, aber es geht durch die Zeit heute der starke Zug nach einer großen Einheit in der gesamten Welt und Menschheit. Und da ist halt wohl, auch wohl von Gott gedacht, ein neues Menschenbild (nötig), ein Menschenbild, das sich in schlichter Weise ehrfürchtig vor jedem Menschen beugt und (vor) seiner Auffassung.

Pluralismus, pluralistische Gesellschaftsordnung. Rechts und links neben uns andere Bekenntnisse, rechts und links neben uns andere Weltauffassungen. Hat die Kirche bisher gleichsam unter dem Sterne des konstantinischen Zeitalters uns eng eingeschlossen, Enklaven geformt überall, so daß die Milieupädagogik uns zusammenhielt, dann fallen halt nunmehr diese Schranken mehr und mehr beiseite, und es (durch)flutet ein ungemein starker Strom, geistiger Strom, hin und her, nicht nur durch die Welt, sondern auch früher oder später durch unsere Kreise.

Und wenn wir an den Ökumenismus denken, dann will das heißen, auch die christlichen Bekenntnisse schließen sich nicht mehr wie Freund und Feind gegeneinander ab, sie sind nebeneinander, beieinander, zum Teile ineinander. Schwerlich werden wir es fertig bringen, die damit gezeichnete Entwicklung aufzuhalten.

Aber, liebe Dreimal Wunderbare Mutter und Königin von Schönstatt, Du hast ja die Sen¬dung übernommen, gerade für solche Zeit unsere kleine Familie zu erziehen, zu schulen und, nachdem Du uns geschult, hinauszusenden, um Wege zu finden, um auch in dieser Situation ein echtes, waschechtes Christentum, (den) Katholizismus hinauszustrahlen (und) zu verkörpern in der Welt.

2. Aus: Kurz-Studie 1963, 5

(Unveröffentlichte Archiv-Quelle)

Danach ist der neue Menschen- und Gemeinschaftstyp - negativ gesehen - der anti-idealistische, anti-protestantische, der anti-kollektivistische und der anti-relativistische Mensch in einer gleichgearteten Gemeinschaft.

Dabei darf das Anti in den bezeichneten verschiedenen Formen und Gestalten nicht falsch gedeutet werden. Es bedeutet keine feindliche Gegeneinstellung, sondern eine gütig-wohlwollen¬de, ehrfürchtige Freiheitshaltung jeglicher anderer Art gegenüber; hütet sich aber sorgfältig vor öder Gleichmacherei und vor Haltlosigkeit in Kopf und Wille und Herz. Man vergesse nicht, daß die heraufsteigende Zeit - ob wir wollen oder nicht - eine wohlwollend-duldsame Koexistenz der verschiedenen Glaubensbekenntnisse nebeneinander verlangt und rechtfertigt. Gerade deswegen ist bei aller Ehrfurcht vor fremder Überzeugung die Betonung des geistigen Anti so eminent wichtig.

3. Aus: Nordamerika-Bericht (1948), 116-117.119-120

(Manuskriptdruck)

Es ist sehr gut möglich: allen alles zu werden, ohne sich selbst und seine völkische Art zu verlieren oder zu verleugnen. Der Heiland und die Gottesmutter haben uns dieses Ideal vorgelebt. Beide bleiben ganz in ihrem Volk verwurzelt und sprengen gleichzeitig die Grenzen eines krankhaften Nationalismus. Wie weiß die Gottesmutter in der Geschichte ihres Volkes Bescheid, wie lebt sie daraus und aus den ihm gegebenen Verheißungen! Davon kündet das Magnificat. So kann auch ich Amerikaner unter Nordamerikanern, Chilene unter Chilenen sein, kann mich für alle geöffnet halten und alle für mich öffnen, kann mich ganz zu ihnen hinabneigen, unter ihnen einer von ihnen sein, mich durch sie ergänzen lassen und sie ergänzen, ohne mich und meine deutsche Art preiszugeben. Umgekehrt: Je mehr ich bin, was ich sein darf, desto mehr kann ich mich anpassen, kann mich einfühlen und mit mir emporführen und —reißen. Ja, letzten Endes kann nur die echte Persönlichkeit andere tief beeinflussen. Wie sie dort, wo sie ihren ganzen Zauber entfaltet und ihr Aroma ausatmet, die Gefolgschaft innerlich stark formt und gestaltet, aber nicht wegschwemmt, sie zum wahren Selbstbesitz führt, aber nicht vermaßt, so läßt auch sie sich nicht wegschwemmen und vermassen. Im Augenblicke, wo sie ihren Persönlichkeitskern hergibt, verliert sie ihren Einfluß, verliert ihre Gefolgschaft und schwankt im Leben wie die Meereswogen hin und her, ohne Halt, ohne Kraft, ohne Fruchtbarkeit. Das sind die Geheimnisse der entzündbarkeit zwischen Mensch und Mensch, die Rätsel gegenseitiger Beeinflus¬sung durch Führung und Erziehung. Nur der versteht sie, der sie in sich birgt und um Lösung ringt.(...)

Von wohlwollender Seite wurde mir geraten, unsere Schwestern, die hier vielfach begehrt sind, erst ein Jahr in eine andere Gemeinschaft zu schicken, damit sie dort amerikanische Art kennenlernen und sich aneignen. Dazu kann ich mich nicht entschließen. Wer ins Wasser geworfen wird, lernt schnell schwimmen, wenn er nicht untergehen will. So haben wir es bisher immer gehalten, und es war gut so. Widerstandskräfte, Selbstbehauptungs- und Aufbauwille sind dadurch geweckt worden. Wollen wir unsere eige¬ne Art reinrassig erhalten, dürfen wir nicht unter fremden Ein¬fluß stehen, müssen uns vielmehr aus der klar geschauten reinen Idee heraus rassenrein selbst formen und einen Weg ins Leben suchen. Andernfalls erliegen wir der Gefahr, durch zu starke Anpassung uns selbst, unsere Originalität und Sendung zu verlieren. Hier in Amerika ist alles noch im Fluß, sowohl im Individum als auch in Gemeinschaft. Es gibt Konvente, die sich vollständig abschließen, um in dem Wellengang nicht unterzugehen, oder ihr Bestes zu verlieren: Sie halten Schule, leben aber im übrigen ihr Eigenleben, gehen nie unter das Volk, kommen höchstens damit zusammen im Sprechzimmer. Andere dagegen passen sich einer Weise an, daß sie sich vollständig selbst aufgeben. Von beiden können wir lernen, ohne uns jedoch weder an die eine, noch an die andere versklaven zu wollen. Setzen wir uns ihrem Einfluß aus, ist es schwerer, uns selber zu behaupten, als wenn mir von Anfang an allein und geschlossen bleiben und uns unseren Weg durch alle Verhältnisse und Mißverhältnise selber bahnen. Alles hängt davon ab, daß es uns glückt, wie in andern Ländern, so auch hier uns selbst zu bewah¬ren, den Kern unserer Persönlichkeit und unseres originellen Lebensstiles zu festigen und gleichzeitig geöffnet zu bleiben für hiesige Worte. Das setzt natürlich Menschen voraus mit stark ausgeprägter Eigenständigkeit und feiner Anpassungsfähigkeit, mit hochentwickeltem Einfühlungsvermögen und gesundem Instinkt, aber auch gleichzeitig mit erleuchteter Unabhängigkeit von nebensächlichen Formen. Der neue Mensch, wie wir ihn so heiß erstreben, kann hier für unsere Familie Pfadfinder- und Pionierdienste leisten.

Artikel erschien in der Zapfsäule KING SIZE II 2007 "Zukunft beleben"

 


 
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