Die eine Seite dieses Dreiecks ist Selbstsein des einzelnen In sich
ruhende Identität. Der neue Mensch ist ein aus der eigenen Mitte heraus
ganzheitlich sich entfaltender, origineller Mensch. Er hat ein eigenes
seelisch-geistiges Lebensprinzip in sich, macht dies bewusst, schützt
es und stützt seine innere Entfaltung.
So ist der neue Mensch ein Mensch, der in der Relativität der
pluralisti¬schen Gesellschaft seine eigene Identität und seinen eigenen
Stil entfalten und durchtragen kann. Er ist eine in sich verankerte und
verwurzelte Persönlichkeit. Ein "freier und starker" Mensch, wie
Kentenich ihn bereits 1912 programmatisch umschreibt. Ein freier,
innerlich dynamischer, nicht starrer und zwanghafter Mensch. Wichtige
Worte sind Persönlichkeit, Originalität und Geschlossenheit der Person,
nicht Verschlossenheit. Er ist ein Mensch mit einem starken Innenleben,
einem persönlichen, homogenen und kontinuierlichen seelisch-geistigen
Innenraum. Er ruht in sich, hat Heimat in sich.

Deswegen die Notwendigkeit, sich vielfach abzugrenzen, zu immunisieren,
zu imprägnieren und ein Bewusstsein und Lebensgefühl des Anderssein zu
entfalten. Freude am Anderssein zu entwickeln. Auch Gegensätze
auszuhalten oder auch zu schätzen. Aber immer in Rückbindung an die aus
seinem Inneren drängende Originalität und Identität.
Die zweite Seite des Dreiecks nenne ich "aktive und passive Offenheit".
Diese geht jetzt auf die Kommunikation, den Dialog und die
gemeinschaftliche Zugehörigkeit ("neue Gemeinschaft"), das
Mitmensch-Sein. Der neue Mensch ist kein autonomer Individualist. Er
ist fähig, sich zu öffnen, seine Ideen und Gedanken zu erklären,
darzulegen und mitzuteilen. Auch Gefühle zu zeigen. Auch wenn ihn das
"verletzlich" machen mag.
Der neue Mensch ist offen für weitere Entwicklungen seines Selbst. Er
kann von anderen lernen und sich bereichern lassen, ohne seine
Identität in Frage zu stellen oder gar zu verlieren oder aufzugeben. Er
ist dialogfähig. Ein Mensch, der Freude hat nicht nur an seiner eigenen
Andersartigkeit, sondern auch an der des andern. Vielfalt bedeutet ihm
nicht Bedrohung, sondern Bereicherung. Alles zu prüfen und nicht nur
das Gute, sondern speziell das ihm Gemäße zu behalten, ist eine
wichtige Verhaltensweise in dem Vorgang-neuer-Mensch. Organisch
assimiliert er Neues und entfaltet damit seine Persönlichkeit.
So kann er gelassen tolerant sein, kann "stehen lassen", braucht nicht mit Abwertungen zu arbeiten.
Es ist der partnerschaftsfähige, bundesfähige Mensch. der fähig und
bereit ist, sich entsprechend zu binden und sich affektiv, geistig und
willentlich in die Pflicht nehmen zu lassen. Und nicht gleich um seine
Eigenart zu fürchten, wenn er sich anpassen soll. Er kann eingegangenen
Bindungen gegenüber treu sein.
Er fordert aber vom anderen, eventuell auch von der öffentlichen
Meinung seines Clubs, der Schulklasse..., dass er von diesen in seinen
Meinungen und seinem Verhalten respektiert wird. Nicht zulassen, dass
seine Meinung verspottet wird (vom Lehrer in der Schule, vom Fernsehen)
oder verfolgt wird z.B. durch ein diktatorisch-ideologisches System.
Ebenso tritt er für die Meinungs- und Verhaltensfreiheit seiner
Mitmenschen ein, wenn dies notwendig wird. Ein Mensch gewachsener und
selbstverständlicher Zivilcourage.
So ist sein Leben ein Geben und Nehmen. Ein Sich-Einbringen und Sich-Anpassen. Sich in Abhängigkeit begeben und freisein.
Die dritte Seite des Dreiecks ist Wille und Lust zum Einfluss. Andere
beeinflussen wollen. Der Neue Mensch ist ein auf andere Menschen
bezogener Mensch, der von seinem persönlichen Reichtum und seinen
Überzeugungen etwas anderen geben will, sich einbringt, zur
Bewusstseinsbildung beiträgt, Verantwortung übernimmt, andere
motiviert, zu etwas hinführen will. Dies in aller Bescheidenheit. Doch
auch mit einem Ethos, das anderen oder dem entsprechenden Gemeinwesen
helfen kann und will weiterzukommen. Insofern ist er bereit und fähig
seine Talente selbst-bewusst anzuerkennen und einzubringen, auch um
andere zu etwas zu "bekehren". Sie zu "missionieren". Gleichzeitig hat
er die innere Freiheit, anderen die Initiative zu überlassen, wenn er
sieht, dass es in die "richtige" Richtung geht.
Dreieck. Neuer Mensch in neuer Gemeinschaft bedeutet ein nicht
leicht zu verwirklichendes inneres Kräftespiel verschiedener Faktoren.
Die Akzente werden entsprechend immer wieder anderes gesetzt werden.
Der Hauptakzent wird jedoch immer auf der eigenen Identität
ruhen.
Die "alte" Welt, in der die Menschen über Jahrhunderte lebten war
übersichtlicher, geschlossener, flächendeckend-gleichmäßig-homogener
und bindender als die heutige. Der Mensch konnte sich im eigentlich
Grundlegenden leiten lassen. Musste sich leiten lassen. Seine eigene
Initiative war vielfach gar nicht gefragt, sondern galt als Abweichung
und wurde bestraft. Seine eigene Identität war durch eine ziemlich
festgefügte Tradition relativ vorgegeben. Insgesamt hat sich in der
Kultur eine Verschiebung ergeben hin zur Notwendigkeit einer stärkeren
Betonung der Eigeninitiative. Die Denkweisen des "alten" Menschen sind
in der "neuen", pluralistischen Welt nicht mehr genügend. Das gilt für
jede der Welten, in denen jemand zu leben hat: der persönlichen,
familialen, ehelichen, glaubensmäßig-kirchlichen,
politisch-gemeinschaftlichen, kulturellen... Also ein universell sich
auswirkendes Paradigma des "neuen Menschen" und der "neuen
Gemeinschaft".
Anhang:
Drei Kentenich-Texte zum Thema "Eigene Identität und Begegnung mit anderen/anderem"
1. Aus: Gebet vom 24. April 1964
(An seine Pars motrix, 2 (Manuskriptdruck), 19 f.)
Es hat dem Vater gefallen, euch das Reich zu geben." Wir spüren
es ob wir denken an die vermaterialisierte Zeit,
säkularisierte Zeit, bolschewisierte Zeit, ob wir das vor uns
aufleuchten lassen, was nunmehr durch das Konzil tiefer und tiefer in
unser Gemüt eingeprägt werden soll das ist die Idee des
Ökumenismus und des Pluralismus.
Wir mögen uns wehren, aber es geht durch die Zeit heute der starke Zug
nach einer großen Einheit in der gesamten Welt und Menschheit. Und da
ist halt wohl, auch wohl von Gott gedacht, ein neues Menschenbild
(nötig), ein Menschenbild, das sich in schlichter Weise ehrfürchtig vor
jedem Menschen beugt und (vor) seiner Auffassung.
Pluralismus, pluralistische Gesellschaftsordnung. Rechts und links
neben uns andere Bekenntnisse, rechts und links neben uns andere
Weltauffassungen. Hat die Kirche bisher gleichsam unter dem Sterne des
konstantinischen Zeitalters uns eng eingeschlossen, Enklaven geformt
überall, so daß die Milieupädagogik uns zusammenhielt, dann fallen halt
nunmehr diese Schranken mehr und mehr beiseite, und es (durch)flutet
ein ungemein starker Strom, geistiger Strom, hin und her, nicht nur
durch die Welt, sondern auch früher oder später durch unsere Kreise.
Und wenn wir an den Ökumenismus denken, dann will das heißen, auch die
christlichen Bekenntnisse schließen sich nicht mehr wie Freund und
Feind gegeneinander ab, sie sind nebeneinander, beieinander, zum Teile
ineinander. Schwerlich werden wir es fertig bringen, die damit
gezeichnete Entwicklung aufzuhalten.
Aber, liebe Dreimal Wunderbare Mutter und Königin von Schönstatt, Du
hast ja die Sen¬dung übernommen, gerade für solche Zeit unsere kleine
Familie zu erziehen, zu schulen und, nachdem Du uns geschult,
hinauszusenden, um Wege zu finden, um auch in dieser Situation ein
echtes, waschechtes Christentum, (den) Katholizismus hinauszustrahlen
(und) zu verkörpern in der Welt.
2. Aus: Kurz-Studie 1963, 5
(Unveröffentlichte Archiv-Quelle)
Danach ist der neue Menschen- und Gemeinschaftstyp - negativ
gesehen - der anti-idealistische, anti-protestantische, der
anti-kollektivistische und der anti-relativistische Mensch in einer
gleichgearteten Gemeinschaft.
Dabei darf das Anti in den bezeichneten verschiedenen Formen und
Gestalten nicht falsch gedeutet werden. Es bedeutet keine feindliche
Gegeneinstellung, sondern eine gütig-wohlwollen¬de, ehrfürchtige
Freiheitshaltung jeglicher anderer Art gegenüber; hütet sich aber
sorgfältig vor öder Gleichmacherei und vor Haltlosigkeit in Kopf und
Wille und Herz. Man vergesse nicht, daß die heraufsteigende Zeit - ob
wir wollen oder nicht - eine wohlwollend-duldsame Koexistenz der
verschiedenen Glaubensbekenntnisse nebeneinander verlangt und
rechtfertigt. Gerade deswegen ist bei aller Ehrfurcht vor fremder
Überzeugung die Betonung des geistigen Anti so eminent wichtig.
3. Aus: Nordamerika-Bericht (1948), 116-117.119-120
(Manuskriptdruck)
Es ist sehr gut möglich: allen alles zu werden, ohne sich selbst und
seine völkische Art zu verlieren oder zu verleugnen. Der Heiland und
die Gottesmutter haben uns dieses Ideal vorgelebt. Beide bleiben ganz
in ihrem Volk verwurzelt und sprengen gleichzeitig die Grenzen eines
krankhaften Nationalismus. Wie weiß die Gottesmutter in der Geschichte
ihres Volkes Bescheid, wie lebt sie daraus und aus den ihm gegebenen
Verheißungen! Davon kündet das Magnificat. So kann auch ich Amerikaner
unter Nordamerikanern, Chilene unter Chilenen sein, kann mich für alle
geöffnet halten und alle für mich öffnen, kann mich ganz zu ihnen
hinabneigen, unter ihnen einer von ihnen sein, mich durch sie ergänzen
lassen und sie ergänzen, ohne mich und meine deutsche Art preiszugeben.
Umgekehrt: Je mehr ich bin, was ich sein darf, desto mehr kann ich mich
anpassen, kann mich einfühlen und mit mir emporführen und —reißen. Ja,
letzten Endes kann nur die echte Persönlichkeit andere tief
beeinflussen. Wie sie dort, wo sie ihren ganzen Zauber entfaltet und
ihr Aroma ausatmet, die Gefolgschaft innerlich stark formt und
gestaltet, aber nicht wegschwemmt, sie zum wahren Selbstbesitz führt,
aber nicht vermaßt, so läßt auch sie sich nicht wegschwemmen und
vermassen. Im Augenblicke, wo sie ihren Persönlichkeitskern hergibt,
verliert sie ihren Einfluß, verliert ihre Gefolgschaft und schwankt im
Leben wie die Meereswogen hin und her, ohne Halt, ohne Kraft, ohne
Fruchtbarkeit. Das sind die Geheimnisse der entzündbarkeit zwischen
Mensch und Mensch, die Rätsel gegenseitiger Beeinflus¬sung durch
Führung und Erziehung. Nur der versteht sie, der sie in sich birgt und
um Lösung ringt.(...)
Von wohlwollender Seite wurde mir geraten, unsere Schwestern, die
hier vielfach begehrt sind, erst ein Jahr in eine andere Gemeinschaft
zu schicken, damit sie dort amerikanische Art kennenlernen und sich
aneignen. Dazu kann ich mich nicht entschließen. Wer ins Wasser
geworfen wird, lernt schnell schwimmen, wenn er nicht untergehen will.
So haben wir es bisher immer gehalten, und es war gut so.
Widerstandskräfte, Selbstbehauptungs- und Aufbauwille sind dadurch
geweckt worden. Wollen wir unsere eige¬ne Art reinrassig erhalten,
dürfen wir nicht unter fremden Ein¬fluß stehen, müssen uns vielmehr aus
der klar geschauten reinen Idee heraus rassenrein selbst formen und
einen Weg ins Leben suchen. Andernfalls erliegen wir der Gefahr, durch
zu starke Anpassung uns selbst, unsere Originalität und Sendung zu
verlieren. Hier in Amerika ist alles noch im Fluß, sowohl im Individum
als auch in Gemeinschaft. Es gibt Konvente, die sich vollständig
abschließen, um in dem Wellengang nicht unterzugehen, oder ihr Bestes
zu verlieren: Sie halten Schule, leben aber im übrigen ihr Eigenleben,
gehen nie unter das Volk, kommen höchstens damit zusammen im
Sprechzimmer. Andere dagegen passen sich einer Weise an, daß sie sich
vollständig selbst aufgeben. Von beiden können wir lernen, ohne uns
jedoch weder an die eine, noch an die andere versklaven zu wollen.
Setzen wir uns ihrem Einfluß aus, ist es schwerer, uns selber zu
behaupten, als wenn mir von Anfang an allein und geschlossen bleiben
und uns unseren Weg durch alle Verhältnisse und Mißverhältnise selber
bahnen. Alles hängt davon ab, daß es uns glückt, wie in andern Ländern,
so auch hier uns selbst zu bewah¬ren, den Kern unserer Persönlichkeit
und unseres originellen Lebensstiles zu festigen und gleichzeitig
geöffnet zu bleiben für hiesige Worte. Das setzt natürlich Menschen
voraus mit stark ausgeprägter Eigenständigkeit und feiner
Anpassungsfähigkeit, mit hochentwickeltem Einfühlungsvermögen und
gesundem Instinkt, aber auch gleichzeitig mit erleuchteter
Unabhängigkeit von nebensächlichen Formen. Der neue Mensch, wie wir ihn
so heiß erstreben, kann hier für unsere Familie Pfadfinder- und
Pionierdienste leisten.
Artikel erschien in der Zapfsäule KING SIZE II 2007 "Zukunft beleben"