von Angelika Miller
Zukunftsgestaltung braucht zunächst als Grundlage eine Analyse des Gewesenen, des Vergangenen kurzum eine Analyse der Vergangenheit und in einem zweiten Schritt eine Analyse der momentanen, der gegenwärtigen Situation, also der Gegenwart. Nur wenn wir wissen, woher wir kommen, wer wir sind, was wir zu bieten haben und was uns fehlt, wenn wir wissen, wo wir in den einzelnen Gliederungen und in der Gesamtbewegung stehen, dann können wir nach vorne aufbrechen, Zukunft wagen und Antworten auf die Fragen des 21. Jahrhunderts geben.
Tradition und Moderne und ihre Funktion für den Menschen
 Die Analyse von Vergangenem impliziert nicht nur den Blick auf die vorhandene und noch wirksame Tradition, sondern auch die Auseinandersetzung im Bezug auf ihre sinnstiftende, funktionale Wirkung. Unter Tradition wird in der Regel die Überlieferung der Gesamtheit des Wissens, die Überlieferung von Fähigkeiten, Sitten und Gebräuche einer Kultur oder einer Gruppe verstanden. Tradition versteh sich in diesem Sinne als das kulturelle und spirituelle Erbe und Leitmuster, das auf Wiederholung, Weitergabe und Ritualisierung angelegt ist und, von der Vergangenheit ausgehend, die Gegenwart und Zukunft beeinflusst. Die Funktion von Tradition liegt darin, dass sie den späteren Generationen Kenntnisse, erprobte Verhaltensweisen, bewährte Orientierungsmethoden zur Verfügung stellt. Dadurch wird der Gegenwart die Mühe von Versuch und Irrtum und einer andauernden Reflexion erspart. Das, was sich bewährt hat, wird überliefert und der Rest gerät in Vergessenheit. Tradition vermitteltgesicherte erprobte Erkenntnis. Tradition bedeutet Sicherheit, Geborgenheit, Heimatgefühl, Aufgehobensein. Es sind Werte, die man nicht so schnell aufgeben möchte. Die Geruhsamkeit wird jedoch dadurch gestört, dass Traditione von modernen Entwicklungen abgelöst werden oder unüberwindbarer Konflikt zwischen Tradition und Modernem entsteht. Dies ist der Fall, wenn das Selbstverständliche zum unverständlichen Gut wird. Der Ursprungsgedanke, die Intention, die Symbolik und der Sinn von Tradition geht verloren. Zurück bleibt eine leere Hülle, die mit der Floskel: Das war schon immer so, das hat man früher auch so gemacht, beschrieben werden kann. Somit wird Tradition als fremd, als Last erfahren, als Ballast für das Leben empfunden. Durch die Rollenzuweisung der Tradition, die dem Menschen fremd geworden ist, kann sich der Mensch selbst in dieser Rolle nicht mehr erkennen, er erlebt sich als Fremdkörper. In der Befreiung von der Tradition und in der Verweigerung der traditioneller Rollen wird der Mensch zunächst zum vereinzelten Individuum. Er steht nicht nur außerhalb der Gemeinschaft, sondern wird auch als Fremdkörper von der Gemeinschaft erlebt. Er wird solange zum vereinzelten Individuum bis sich ihm andere Individuen anschließen, sich eine neue Gruppe mit einem neuen Rollenverständnis und Erkenntnisgewinn formiert und gleichsam wie auf einer Spirale nach oben eine neue Tradition entsteht. So gesehen schließen sich die Begriffe Tradition und Moderne letztlich nicht aus. Die Moderne ist längst selbst zur Tradition geworden. Es kann auch nicht grundsätzlich davon ausgegangen werden, dass Tradition vormodern ist, vielmehr muss Tradition im Licht ihrer gegenwärtigen und zukünftigen Funktion für
den Menschen betrachtet und analysiert werden. Wer Zukunft gestalten will, der muss sich notwendigerweise die vorhandene oder vorhandenen, weiterwirkenden und gelebten Traditionen einer kritischen Prüfung unterziehen. Welche Funktionen üben gegenwärtig die gelebten Traditionen aus? Welcher Sinn steckt in der Pflege bestimmter Traditionen? Welche Perspektiven eröffnen sie? Wie wirken diese auf den heutigen Menschen? Befreiend? Einengend? Welche Traditionen müssen überdacht werden? ...
Die Stunde der Erneuerer ist auch die Stunde der Bewahrer
Die Analyse der Vergangenheit scheint ungleich schwieriger und anstrengender als eine Analyse der Gegenwart. Hierbei geht es um die Fragestellungen, die die Bereiche Kommunikation und -strukturen, Image, inhaltliche Arbeit, Schönstatt als Erneuerungsbewegung, demografische Faktoren, Personalentwicklung, Bildungseinrichtungen usw. betreffen. Die Fakten können anhand von Fragebögen ermittelt werden, die sich dann auch im Zusammenhang mit den Ergebnissen und Bewertungen aus der Auseinandersetzung mit Vergangenem erklären un einordnen lassen und schließlich den Weg für eine neue Ausrichtung ode Erneuerung sei es inhaltlicher, spiritueller oder struktureller Art frei machen. Jetzt ist die Stunde der Mutigen, der beharrlichen Erneuerer, ihnen gehört die Zukunft. Jetzt ist die Stunde derer, die bereit sind für ein Wagnis, das mit den Begriffen Aufbruch, Erneuerung, Entwicklung, Fortschritt, Zukunftsvision, vielleicht sogar Illumination gekennzeichnet werden kann. Falsche Scham mit Dingen hinter dem Berg zu halten ist ebenso kontraproduktiv wie das Verschleiern von Fakten. Offen sein für neue Wahrheiten, Möglichkeiten, Chancen, die aufblitzen, wenn viele sich um einen Tisch versammeln und bildlich gesprochen am Tischtuch ziehen, so dass plötzlich auf der anderen Seite sich Verdecktes, Verschüttetes zeigt und Dinge ans Licht kommen, die jahrelang unterm Tuch gut behütet geschlummert haben. Sich unbequemen Fragen stellen, zulassen was Fakt ist, Unbequemes ansprechen, mit Widerständen umgehen, das alles braucht den Mut Dinge zu thematisieren, es braucht die Kraft der Überzeugung und es braucht Ausdauer. Wer Neues wagt, zu neuen Ufern aufbrechen möchte, der ruf auch immer die Bewahrer auf den Plan. Sie sehen ihre Aufgabe darin, bestehendes Gedankengut, Charisma, bewährte Ideen vor dessen Modifikation und Auslöschung zu schützen. Wissen, Erinnerungen, gewohnte Dinge werden behütet. Die Bewahrer treten in ihrer Funktion als Ermahner und Kritiker des Neuen auf, als jene, die die reine Lehre, das Charisma genau zu kennen glauben und Anspruch auf die richtige Umsetzung erheben. Sie fürchten die Überwindung von Altbewährtem, sie fürchten einen Neuaufbruch, der auch an ihrem Sein und Tun rüttelt und somit ihr Leben betrifft, verändern und anfragen wird. Der Konflikt zwischen Modernisierern und Bewahrern ist vorprogrammiert. Es ist ein Konflikt zwischen denjenigen, die von der neuen und denjenigen die von der alten Ordnung profitieren. Je mehr sich die Erneuerer von den Fesseln der Tradition befreien, um so stärker entfaltet die Innovation ihre dynamische Entwicklung vorantreibende Kraft. Welche Kräfte sich letztendlich durchsetzen werden, das zeigt die Zeit und hängt zu einem großen Teil auch vom Wechsel der Generationen ab. Wer jedoch nicht die Zeichen der Zeit wahrnimmt, erkennt und umsetzt, der geht mit der Zeit.
Institutionen sind träge
Zu den Erneuerern und Bewahrern kommt noch eine dritte Kraft hinzu, die Institution. Institutionen sind träge, nur schwer zu bewegen und anzustoßen. Das Gesetz der Trägheit besagt, das ein ruhender Körper fortfährt zu ruhen, wenn nicht eine Ursache ihn bewegt, und ein bewegter Körper fortfährt, sich in gleicher Richtung und Geschwindigkeit zu bewegen, wenn nicht eine Ursache diese Richtung oder Geschwindigkeit ändert oder aufhebt. Die Gefahr mit dem Erneuerungsprozess zu scheitern ist größer als die Gefahr mit Neuem da institutionalisierte Charisma, die Institution ins Wanken zu bringen. Sie stellt sich allem Neuen entgegen durch das Gesetz der Trägheit. Institutionen tragen die Legitimität des Gegebenen in sich, sowie das Bedürfnis Störungen zu vermeiden. Veränderungen erfolgen deshalb mit großer Zeitverzögerung, je mehr sie eine Abweichung vom existierenden Verhaltenskodex verlangen. Neues, Veränderndes wird abgestoßen und in dem Maße absorbiert, dass es sich dem vorhandenen Gefüge unterordnet und keine Störung verursacht.
Der Imperativ einer Erneuerungsbewegung ist die Erneuerung
Von der Institution darf man also keine bahnbrechenden Neuerungen und Bewegungen erwarten. Es entspricht nicht ihrem Wesen. Auch mit viel Verständnis und Sympathie für die Gruppe der Bewahrer, so ist es doch unbestritten, dass diese Haltung auch keine Perspektiven für die Zukunft eröffnet. Denn dass hieße sich dem Gesetz des Lebens, das Wachstum, Veränderung, Degeneration heißt und ist, entgegenzustellen. Veränderung, Erneuerung ist die treibende Kraft des Lebens vom Anfang bis zum Ende. Sie ist eine Notwendigkeit im wahrsten Sinne des Wortes. Veränderungen tragen grundsätzlich die Chance zur Verbesserung bestehender Verhältnisse in sich. Man kann mit Veränderungen hadern, unter ihnen leiden, das sind verständliche menschliche Reaktionen, die jedoch langfristig nicht sehr hilfreich sind. Wer jetzt die Gunst der Stunde nicht nutzt, die Chance nicht ergreift und sich der Erneuerung verschreibt, der bleibt in der Gegenwart verhaftet und bringt sich und andere um die Chance einer Zukunftsperspektive. Gefragt ist jetzt Scharfsinn, analytisches Denken, emotionale Intelligenz, Vorstellungskraft um Prozesse anzustoßen, zu begleiten, fortzuführen, zu kommunizieren und durchzusetzen. Erneuerung kommt aus dem Herzen, ist eine Herzensangelegenheit. Erneuerung ist ein Feuer, das trotz aller Widrigkeiten brennt und sich immer wieder entzündet.
Der Imperativ einer Erneuerungsbewegung ist die Erneuerung selbst in der Auseinandersetzung mit Kirche und Welt auf der Ebene der Institution mit ihren Strukturen und auf der Ebene der Personen als spiritueller Lebensprozess. Erst dann, wenn man seinem eigenen Anspruch als Erneuerungsbewegung Ernst nimmt, können Fragen der Gegenwart und Zukunft beantwortet werden. Erst dann werden Zukunftsvisionen möglich und die Voraussetzungen dafür geschaffen.
Das Leben in der Zukunft ist und bleibt ein Thema der Gegenwart, um das wir uns kümmern sollten, den wir werden den Rest unseres Lebens darin verbringen! Mal nachgefragt: Was bleibt übrig von einer Erneuerungsbewegung, der Zukunftsvisionen und die Kraft zur Erneuerung fehlen?
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